Het toernooi van Brutus- een terugblik op de Olympiade 2002


door Chrilly Donninger



Vormärz:

"Auf ein Turnier zu fahren mit dem einzigen Ziel dort zu gewinnen, ist nicht meine Art. Ich bin auch in der Vergangenheit niemals mit dem Ziel auf eine WM gefahren, diese zu gewinnen. Ich bin in diesem Punkt nicht so getrieben. Ich habe auch keine Träume um unbedingt der Beste zu sein. Ich möchte einfach mein Bestes tun, das Programm so gut machen wie ich es machen kann und dann schaue ich mir an wie weit ich gekommen bin".


(Rebel Programmierer Ed Schröder, in Computerschaak Juli, 2002, Übersetzt aus dem Niederländischen durch Ch.Donninger).


Von 1989 bis Ende 1991 arbeitete ich bei der ESTEC (European Space Technology Centre) in Noordwijk/Holland. Zu Beginn ist so ein Auslandsaufenthalt eine prickelnd-interessante Angelegenheit. Aber irgendwann erfaßt zumindest einfach gestrickte Gemüter das Heimweh. Aus dem El Dorado wird ein Exildorado. Ende 1990 war ich so weit. Das Geschwätz meiner französischen Arbeitskollegen erzeugte nur mehr Brechreiz, die dunklen naßkalten holländischen Winterabende gaben mir den Rest. Der einzige Lichtblick war die Lektüre von Großmeister Donners "de Koning". An einer Stelle schreibt er: "Schach ist die eleganteste Manier um der Welt den Rücken zuzukehren". Für Schach war ich zu blöd, aber warum sollte es nicht für Computerschach reichen? Abend für Abend saß ich nun am PC, der deprimierende holländische Regen war auf einmal ein angenehmes Hintergrundgeräusch. Das französische Blabla in den endlosen ESTEC-Sitzungen verlor seinen Schrecken. Es störte mich nicht besonders beim Nachdenken über Baby-Nimzo. Baby-Nimzo tat seine ersten Schritte in die Computerschach-Welt bei der Computerolympiade 1991 in Maastricht. Zwei Wochen vor Turnierbeginn verließ mich beinahe der Mut, in meinem Kopf jagte ein Schreckensszenario das nächste. Aber irgendeinmal muß es ein erstes Mal sein, und so fuhr ich dann doch nach Maastricht.


Maastricht ist anders:

In der ersten Partie wurde Baby-Nimzo gleich dem Spitzenprogramm Rebel zum Schweizer-System-Schlachten vorgeworfen. Rebel wurde von einem älteren holländischen Herren bedient. Beim Händeschütteln vor dem ersten Zug begrüßte er mich mit "Dag, Menheer Waldheim". An und für sich fand ich es nicht sehr lustig mit den Namen des damaligen Österreichischen Bundespräsidenten angesprochen zu werden. Zum Glück spielte ich aber nicht beleidigte Leberwurst, sondern ging zum Gegenangriff über. Maastricht bzw. die Provinz Limburg ist im Gegensatz zum kalvinistischen Norden tief katholisch. An jeder Ecke steht eine Marienstatue. Bei der Trennung der Niederlande und Belgien im Jahr 1830 wurde es nicht ganz freiwillig den Niederlanden zugeschlagen. Ich fragte ihn daher, ob er als Holländer überhaupt ein Visum für die Einreise nach Maastricht bekommen habe. Jan Louwman, so hieß der Herr, fiel prompt in die Falle. "So einen Unsinn kann auch nur ein Waldheim-Österreicher behaupten. Hier ist doch Holland". Die umstehenden Limburger Zuschauer waren deutlich anderer Ansicht und fanden die Idee für Holländer eine Visumspflicht einzuführen durchaus interessant. Es stand 1:1, Jan und ich sind seither eng befreundet.

Das Match zwischen Nimzo und Rebel war dafür wie erwartet einseitig. Im nächsten Spiel gegen The King sah es zunächst ähnlich düster aus, The King überzog aber die Stellung und plötzlich hatte Baby-Nimzo die Oberhand. The King konnte mit einem ewigen Schach nur mehr die Notbremse ziehen. Dieses Szenario wiederholte sich in den nächsten Jahren mehrmals. Auch in den anderen Partien machte Baby-Nimzo gar keine so schlechte Figur, es blieb mir fast nichts anderes übrig als mit der Computerschach Programmiererei weiter zu tun.


11 Kilo mehr:

11 Kilo mehr findet in Maastricht vom 5-11.Juli 2002 wieder eine Computer-Olympiade statt. Im Bewerb Schach geht es um den Allgemeinen Computerschach Weltmeister.

Ich habe mit Brutus auch wieder ein neues Baby. Brutus ist wie Deep Blue aufgebaut. Eine spezielle Schachhardware, kombiniert mit einem normalen PC-Programm. Das PC-Programm rechnet die ersten Züge einer Variante durch, die letzten drei Halbzüge und die Bewertung übernimmt die Brutus-Hardware. Der Vorteil dieses Ansatzes: In Hardware können alle Teile der Bewertung parallel abgearbeitet werden. Zusätzliches Wissen verlangsamt das Programm kaum.

Die Zielstellung für Brutus war von Anfang an: Tanzen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Hornisse. Die Brutus Konzeption unterscheidet sich von Deep Blue in zwei Dingen. Das Programm soll gegen Bares für jedermann zugänglich sein, ferner ist die Brutus Hardware im Gegensatz zu jener von Deep Blue veränderbar. Ein Käufer wird daher wie bei Fritz&Co regelmäßige Updates bekommen. Im Computerjargon heißt die Brutus Hardware FPGA (Field Programmable Gate Array).


Dreisam:

Inzwischen bin ich auch kein einsamer Regennacht-Programmierer mehr. Ich arbeite nun auch bei Tag daran. Die Nachtschichten erledigt der langjährige Nimzo (und Fritz) Eröffnungsbuch Autor Alexander Kure. Alex ist für den Großteil des PC Programmes zuständig, während ich an den Bits der Hardware herum schnitze. Gleich geblieben ist das flaue Gefühl im Magen kurz vor der WM. Ist Baby-Brutus wirklich schon so weit, werden wir die Erwartungen erfüllen können? Wieder möchte ich die Teilnahme absagen, aber das würde ChessBase und die schottische Hardware Firma Alpha Data nicht sehr motivieren das Projekt weiterhin zu unterstützen. Außerdem zeigt Brutus in den letzten beiden Wochen vor der WM plötzlich Zähne. Ich muß Fritz-7 auf meinem 1.3 GHz Test-PC schon Extrazeit geben, damit er nicht dauernd verprügelt wird. Brutus Tester Wolfgang Zugrav meldet sogar ein 4:4 von Brutus gegen Deep Shredder auf einem 8-Prozessor IBM Server.


In Maastricht 2002 erlebe ich auch eine familiäre Premiere. Meine Frau Anni kommt mit. Sie ist aber mehr am Maastrichter Ausverkauf als am Titelrennen interessiert. Alex frägt Anni, ob sie sich nicht einmal eine Partie anschauen möchte. Ich kenne Frauen, die angesichts von Alex´s Charme stundenlang an unserem Turniertisch gesessen wären. "Muß mich das interessieren?" war ihre kurz und bündige Antwort. Ganz konnte sie aber Alex doch nicht widerstehen und so schaute sie fünf Minuten in der Hölle der Wahnsinnigen vorbei.

French-Connection:

Nach Runde 1 sind wir aber auch noch nicht klüger, ob es richtig war, an der WM teilzunehmen. Der französische Operator des spanischen Programmes Chinito zerschießt zuerst zwei verschiedene graphische Benutzeroberflächen. Als letzte Rettung möchte er mit der textuellen Benutzerschnittstelle weiter spielen. Er hat aber die Kommandos vergessen und muß die Partie w.o. geben. Über Nacht bekommt er per Email Nachhilfeunterricht und kann das Turnier dann doch zu Ende spielen.


Die Belgier machen es besser:

In Runde 2 sind wir gegen das belgische Programm Sjeng gelost. Sjeng gehört zur Liga der starken Amateur-Programme. Diese Liga besteht, wie z.B. Fritz vulgo Quest im Laufe des Turniers noch ein paar Mal erfahren mußte, keineswegs aus lauter Bloßfüßigen. Diese Partie schaut aber trotzdem einfach aus, Brutus übt vom ersten Zug Druck auf Sjeng aus und schiebt ihn so einfach wie einen 1.3 GHz Fritz zusammen. Ich hatte nie das Gefühl, hier könnte etwas schief gehen.


Oliver Kahn:

In Runde 3 geht es erstmals ans Eingemachte, wir treffen mit Schwarz auf den Titelverteidiger Shredder. Shredder spielt so wie die Deutsche Fußball Nationalelf: Grundsolide, es macht so gut wie keine Fehler und nützt jene des Gegners gnadenlos aus. Es geht aber auch kein brasilianischer Zauber von Shredder aus. Sein Schöpfer Stefan Meyer-Kahlen hat die Ausstrahlung von Oliver Kahn. Wie die deutschen Fussballathleten holt sich Shredder am Ende die Silbermedaille ab.


1. d4 die meisten Programme spielen e4, d4 paßt aber sicher besser zu Shredders Spielstil. Außerdem ist Alex eine anerkannte Autorität für die Sizilianische Eröffnung. 1...Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 d5 5. cxd5 exd5 6. Lg5 h6 7. Lh4 c5 8.

dxc5 Nc6 9. O-O-O Brutus ist nun aus seinem Buch. Es (er?) ist mit der Stellung nicht sehr zufrieden, die Bewertung zeigt 3/4 Bauern Vorteil für Weiß an. Alex antwortet in solchen Situationen immer: Darauf kommt es nicht an, die Stellung muß nur Potential für ein Programm haben. Brutus hört auf seinen Meister und geht es gleich scharf an 9)...g5 10. Lg3 Da5 11. e3 Dxc5 12. Sge2 Lg4 13. h4 O-O-O 14. Td2 La5 inzwischen findet Brutus die schwarze Stellung ganz passabel. Es erwartet 15. f3. Shredder will diesen Zug auch lange spielen. Nach 15... Dxe3 16) fxg4 17) Se4 17) Le1 Sb4 18) Db1 Sxd2 19) Lxd2 Sd3+ bekommt Schwarz einen gefährlichen Anfall. Shredder hat aber das Glück des Tüchtigen und schwenkt im letzten Moment auf 15. a3 um. Der schwarze Druck verpufft und das Blatt wendet sich Schritt für Schritt. 15... The8 16. b4 Lxb4 17. axb4 Sxb4 18. Sb5 Sxc2 19. Txc2 Dxc2+ 20. Kxc2 Se4 21. Sxa7+ Kd7 22. f3 Sxg3 23. Sxg3 Txe3 24. Ld3 der schwarze b- und d- Bauer sind schwach, der weiße Läufer und Springer sind wesentlich stärker als der schwarze Turm. Schwarz kämpft bereits um in der Remismarge zu bleiben. Le6 25. hxg5 hxg5 26. Tb1 Kc7 27. Sb5+ Kb6 28. Kc3 Ld7 29. Sd6+ Kc7 30. Sgf5 Lxf5 31. Sxf5 Te6 32. Tb5 Tb6 33. Ta5 Td7 34. g3 f6 35. Ta8 Td8 36. Txd8 Kxd8 wir atmen erleichtert auf. Nach diesem Abtausch ist für Weiß kein zwingender Gewinnweg mehr zu sehen. Shredder gefällt die Stellung aber ausgezeichnet. 37. Kd4 Rb2 38. Kxd5 Rd2 39. Kd4 Kd7 40. Ne3 Ke6 Weiß wird sich auch noch den b-Bauern abholen. Die Stellung ist aber schon Remis. Ein Oliver Kahn bietet aber kein Remis an. Wir spielen in der Maastrichter Spielsaal-Sauna noch stundenlang weiter. Alex hat sich vorausschauend mit einer 6er Packung Spa blau eingedeckt und so überleben wir auch diese Tortur ohne nennenswerte körperliche Folgeschäden. Im 131-ten Zug bleibt Oliver Kahn wegen der 50 Züge Regel nichts anderes übrig als in das Remis einzuwilligen.


Schizophrenie:

2.5 aus 3, einen schweren Jungen schon ganz passabel überstanden. Baby-Brutus gibt eigentlich schon ganz tüchtige Lebenszeichen von sich. In der 4-ten Runde wartet Quest vulgo Fritz auf uns. Diese Auseinandersetzung hat für Alex eine schizophrene Note. Er hat für beide Programme das Eröffnungsbuch erstellt. Im Gegensatz zu den anderen Partien darf ich diesmal sogar den ersten Zug auswählen. Es ist - welche Überraschung - e4. Der Fritz Ko-Autor und Operator Mathias Feist entscheidet sich nicht minder überraschend auf 1..c5. Für den "Rest" wird bei beiden Programmen das Standardbuch mit der Einstellung "wähle die Züge zufällig aus" eingestellt.


1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Le2 e6 7. O-O Le7 8. f4 O-O 9. Kh1 Dc7 10. a4 Sc6 11. Le3 Te8 12. Lf3 Ld7 13. Sb3 b6 14. g4 Lc8 15. g5 Sd7 16. Lg2 Tb8 17. Dd2 Sa5 18. Df2 Sxb3 19. cxb3 Sc5 20. Dc2 b5 21.axb5 axb5 22. f5 b4 23. Sa4 exf5 24. exf5 Lf8 25. Lf4 bis hierher ist es Alex gegen Alex. Fritz beschließt sofort die Dame zu tauschen. Das ist gegen die Hornisse Brutus wahrscheinlich auch das Beste. 25... Se6 26. Dxc7 Alex kann aufatmen. Beide Programme schätzen ihre eigene Position mit einem 1/4 Bauer Vorteil für sich ein. Salomonischer kann man nicht gegen sich selber spielen. 26... Sxc7 27. Tac1 Sb5 28. Lc6 Weiß macht sofort Druck 28... Lxf5 Quest gibt ungerührt die Qualität her. Alex, Mathias und ich waren ganz begeistert, das wird sicher ein interessantes Spiel. Fritzens Ahnvater Frans Morsch fand es weniger lustig. "Quest soll nicht interessant spielen, sondern gewinnen". Mathias konterte mit dem K.O. Argument: "Willst du wirklich, daß Quest so wie die Deutschen Fußballer spielt?". 29. Lxe8 Txe8 30. Tcd1 d5 31. Kg1 Le4 32. h3 h6 33. gxh6 gxh6 34. Kh2 Te6 35. Tg1+ Kh7 36. Lg3 Le7 37. Tgf1 Kg6 38. Tf2 Tc6 39. h4 f5 40. Kh3 d4 die Fritz´sche Bewertungsfunktion und die Frans´sche Stimmung hat sich deutlich verbessert. Fritz fühlt sich 1.5 Bauern im Vorteil, Brutus zeigt exakt Ausgleich an. 41. Tg1 nach einigen passiven Zügen beginnt Brutus wieder aktiv zu werden. 41... d3? naheliegend, aber nicht besonders gut wegen 42. Sb6 so mancher Kiebitz hat beim Vorübergehen über diesen Garderobe-Springer gelästert. Ich antwortete immer "Brutus kann nichts dafür. Außerdem ist das die Eiserne Reserve für das Endspiel". Txb6 geht wegen Lc6 mit Abzugschach nicht. Mit diesem Zug zieht wieder Brutus das Heft an sich. 42... Tc2 43. Sc4 Txf2? Sowohl Fritz als auch Shredder dürften nicht ganz die Kraft des vereinzelten Turmes im Endspiel mitbekommen haben. Jetzt muß Schwarz schon um das Remis kämpfen. Die Brutus Bewertung macht einen Sprung von 1/2 Bauern nach oben. 44. Lxf2+ Kh5 45. Se5 Sc7 46. Sg6 Sd5 47. Sxe7 Sxe7 48. Le1 f4 49. Tg7 Sd5 50. Tf7 Kg6 51. Tf8 Kg7 52. Te8 Lf3 53. Te6 h5 54. Kh2 Weiß hat bereits deutlichen Vorteil, es ist aber schwer zu sehen, wie man in dieser Stellung weiter kommt. 54... Kf7 55. Td6 Ke7 56. Ta6 Ld1 57. Kg2 Lg4 {120} 58. Ld2 Sf6! über diesen Zug herrschte zunächst große Verwunderung. Haben Fritz alle guten Geister verlassen? Bei genauerer Analyse entpuppte sich dieser Zug als ein - für Computer - sehr schlaues Manöver in den Remishafen. 59. Lxb4+ Kf7 60. Td6 f3+ 61. Kg1 f2+ 62. Kxf2 Se4+ 63. Ke3 Sxd6 64. Lxd6 Fritz ist es gelungen in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel abzutauschen 64... Lf5 65. b4 Kf6 66. b5 Ke6 67. Lc7 Kd5 68. b6 Kc6 69. Kd2 Le4 Alex hat wieder einen großen Spa blau Vorrat angelegt. Nachdem auch Frans und Mathias darauf zugreifen können, ist dies kein besonderer strategischer Vorteil. Wir lassen es daher nicht wie Oliver Kahn auf die 50-Züge Regel ankommen und bieten Remis an.


Warpendes Lammkotelett:

Von einigen amerikanischen Programmierern, allen voran der Internet Maulheld Robert Hyatt, wird vor jedem Turnier ein Wehklagen angestimmt. Schon wieder ein Turnier in Europa, das ist unfair, das machen die nur, damit wir nicht hinfahren und sie wegputzen können... Auf die naheliegende Idee selber einen Sponsor aufzutreiben und ein Turnier zu veranstalten sind sie bisher noch nicht gekommen. Die weiteste und teuerste Anreise hat immer Peter McKenzie aus Neuseeland. Interessanter Weise hat sich Peter noch nie über diese Ungerechtigkeit der Computerschach Welt beschwert. Möglicher Weise liegt dies auch daran, daß Warp - früher hörte es auf dem Namen Lambchop (Lammkotelett) - besser als das Hyatt´sche Crafty ist. Möglicher Weise ist es für U.S. Südstaatler auch ein unzumutbarer Kulturschock in ein anderes Land zu fahren, in dem Menschen eine andere Sprache sprechen und in einer anderen Währung bezahlt werden muß.


Warp hat in der dritten Runde Fritz ein Remis abgenommen und liegt wie Brutus mit 3 aus 4 noch sehr gut im Rennen. Brutus ist an diesem Tag zu einer besonders spektakulären Partie verpflichtet. Graham Smart, der Chef des Sponsors und Hardware-Ausrüsters Alpha-Data, ist gemeinsam mit seiner Frau Jennifer aus Edinburgh angereist um sich einmal ein Computerschach Turnier anzusehen.


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 d5 5. cxd5 Dxd5 6. Sf3 c5 7. Ld2 Lxc3 8.

Lxc3 cxd4 9. Sxd4 e5 10. Sf3 Sc6 11. Td1 Dc5 Warp ist nun aus seinem Eröffnungsbuch 12. Td2 Brutus auch. 12... Le6 Beide Programme schätzen die Stellung etwas besser für Weiß ein. Diesmal komme ich Alex zuvor "es kommt auf das Potential an" 13. e3 O-O 14. a3 Tfc8 der Zug schaut komisch aus. Brutus möchte aber a5 durchsetzen und dazu braucht man den Turm auf a8.

15. Ld3 Lc4 16. Le4 a5 Inzwischen haben sich beide Programme die Welt nach ihrer Fasson hergerichtet. Auch Brutus ist mit der Stellung schon sehr zufrieden. Vielleicht hat die Alex´sche These vom Potential wirklich etwas auf sich. 17. Lxc6 mit der schlechten Idee im nächsten Zug den Bauer auf e5 zu fressen. 17... Dxc6 18. Lxe5 Brutus schert sich nicht um Bauern, wenn es dafür den gegnerischen König in den Schwitzkasten nehmen kann. Es erwartet Df5 anstatt Lxe5. 18... Se4. Die Bewertungsfunktion macht einen ersten Sprung nach oben. 19. Td1 Dg6 20. Lg3 wahrscheinlich ist hier Tg1 besser. Die Rochade kann sich Weiß sowieso abschminken. 20... La6 21. Db1 Te8 deckt den Springer auf e4 um mit der Dame manövrieren zu können. 22. Td4 will genau dies verhindern. 22... Tac8 Brutus bewertet die Stellung inzwischen mit 3 Bauern Vorteil für Schwarz. Warp sieht das Ganze noch relativ gelassen. Schließlich hat es noch immer einen Mehrbauern. 23. a4 Db6 deckt indirekt den Springer auf e4. 23. ...axb4 24. b4 nach Txe4, Txe4, Tc1+, Kd2, Dxb2+ 25. Txe4 jetzt realisiert auch Warp sein volles Unglück. 25.. Txe4 26. Dxe4 b3 27. Dd4 Dg6 28. Lc7 Dc2 29. Dd2 Dxc7 30. Sd4 Dc1+ 31. Dxc1 Txc1+ 32. Kd2 Txh1 und Peter wirft das Handtuch in den Ring.

Graham versteht nicht sehr viel von Schach. Er ist aber sehr beeindruckt, daß wir am schnellsten eine Partie gewonnen haben. ICCA Präsident David Levy äußert sich ihm gegenüber sehr positiv über diese Partie und Brutus im Allgemeinen. Es muß also schon was dran gewesen sein. Zur Feier des Tages schenkt er mir eine Flasche Talisker. Vor mehr als einem Jahr war ich bei Graham und Jennifer in Edinburgh auf eine Whiskyverkostung eingeladen. Der Talisker hat mir damals am besten geschmeckt. Whiskyverkoster spucken das edle Malzkonzentrat nicht aus. Eine Whiskyverkostung endet daher unweigerlich in leichter Umnebelung. Trotzdem haben sich Graham und Jennifer meine Vorlieben gemerkt. Ich bin sehr gerührt. Jennifer und Graham haben mir das kostbarste Gut der modernen Welt geschenkt: Aufmerksamkeit.

Alex kann mit derartigen Geschenken wenig anfangen. Whisky trinken und Sex haben aber eines gemeinsam. Alleine macht es weniger Spaß. Ich lache mir daher Mathias Feist an und wir brechen die Flasche gemeinsam an.


Schweigend ins Gespräch vertieft:

Nach 5 Runden liegen wir noch immer punktegleich mit Junior und Shredder an der Spitze. Das nächste Spiel findet am Center-Court gegen Junior statt. Bereits zu Turnierbeginn habe ich mit Junior Mitautor Shay Bushinsky zum Scherz über den Turnierausgang geeinigt. Junior wird diesmal Erster, Brutus Zweiter. Dafür drehen wir 2003 bei der Brutus Heim-WM in Graz die Reihenfolge um. Als wir dieses "Abkommen" geschlossen haben, hatte ich nicht im Geringsten daran gedacht, daß dahinter auch ein Körnchen Ernst steckt. Ein zweiter Platz von Brutus war für mich jenseits von Gut und Böse. Bei einem Sieg über Junior wäre Brutus der Titel kaum mehr zu nehmen. In den letzten 3 Partien kamen nur mehr Gegner aus der starken Amateurklasse in Frage. Diese waren, soviel stand nach dem bisherigen Verlauf fest, dem aggressiven Brutus Stil nicht wirklich gewachsen. Brutus hatte Weiß.


1. e4 c5 das Junior Team hat als Schachexperten und Eröffnungsbuch-Autor den starken GM Alterman engagiert. In diesem Fall kann man gegen Brutus bzw. das Alex Buch auch Sizilianisch spielen. 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Le2 e5 7. Sb3 Le7 8. O-O

O-O 9. Kh1 Dc7 10. f4 b5 11. fxe5 dxe5 12. Lg5 Sbd7 13. Ld3 Lb7 14. Df3 b4 15.

Se2 der erste Brutus Zug 15... a5 auch Junior muß nun ohne die Hilfe von GM Alterman auskommen. Brutus zieht es wie gewohnt in Richtung gegnerischer König. 16. Sg3 g6 17. Tad1 a4 18. Sd2 La6 19. Se2 Tfc8 20. b3 Kg7 21. Dh3 h5 22. Df3 Dc6 23. Lc4 Lxc4 24. Sxc4 Weiß übt starken Druck aus. Ich fürchte schon das Schlimmste. Eine WM-Krone ist für ein Baby fiel zu schwer. Mit einem halbfertigen Programm Weltmeister zu werden wäre sehr unbefriedigend. Das hätte mir jede Motivation für die Weiterentwicklung genommen. Warum sich noch den Haxn ausreißen, wenn man eh schon da Weltmasta ist. Außerdem wären alle möglichen Begehrlichkeiten entstanden Brutus so schnell als möglich in klingende Münze umzusetzen. 24.. De6 25. c3 axb3 26. axb3 Txc4!! die Programmierer sind meist um 1000 Elo schwächer als ihre Geschöpfe. Wir verstehen nicht mehr richtig, was auf dem Schachbrett passiert. Trotzdem entwickeln wir ein gutes Gefühl für unsere Programme. Shay hat schon 2 Züge vorher angekündigt, daß Junior irgendwann dieses Qualitätsopfer machen wird. Er war über diese Perspektive nicht übermäßig glücklich. 27. bxc4 b3 28. h3 b2 29. Sg3? Brutus unterschätzt die Gefährlichkeit des b-Bauern sträflich und will noch immer am Königsflügel Gas geben. 29..Dxc4 30. Tb1 Tb8 31. Tfd1 Tb3 32. Td3 Sc5 33. Te3 Brutus begreift erstmals, daß die Felle den Bach hinunter schwimmen. Weiß ist vollkommen gelähmt. Der Rest ist eine Sache der guten Junior-Technik. Tb6 34. Te2 Sa4

35. Td2 Da2 36. Tdd1 Tc6 37. Se2 Dc4 38. Tf1 Tb6 39. Tbd1 Kf8 40. Lh6+ Ke8 41.

Lg7 Dxe4 42. Lxf6 Dxf3 43. gxf3 Txf6 44. Tb1 La3 45. f4 exf4 46. Tf3 g5 47. c4

Lc5 48. Td3 g4 49. Tb3 Kd7 50. Tf1 f3 51. Sg3 Tb6 52. Txb6 Sxb6 und diesmal liegt es an Alex und mir das klatschnasse Handtuch zu werfen.


Die Top-Programmierer schweigen sich untereinander über ihre Programmiertricks aus. Trotzdem sind wir schweigend ins Gespräch vertieft. 26...Txc4 und die Fortsetzung war eine deutliche Aussage von Amir Ban und Shay Bushinsky. Darauf müssen Alex und ich eine Antwort finden. Umgekehrt haben Amir und Shay nun zwei Alternativen. Sich in Graz an die Absprache halten oder gegen das Druckspiel von Brutus etwas zu unternehmen. Wie ich die beiden kenne werden sie die zweite Alternative wählen.


Harakiri:

Gerd Isenberg und sein Programm Isichess sind schon lange im Computerschach Dorf seßhaft. Gerd war ein paar Jahre auch Computerschach Profi. Inzwischen hat er es wieder geschafft als Amateur eingestuft zu werden. Computerschach ist nämlich der einzige mir bekannte Sport, wo man Profis daran erkennt, daß sie für ihr Antreten an der Weltmeisterschaft bezahlen müssen. Gerd ist kein Oliver Kahn Typ. Das hat ihn wahrscheinlich daran gehindert ganz an die Spitze zu kommen. Dafür ist er ein Zeitgenosse mit dem man sich gerne bei einem Bier zusammensetzt und sich - auch als Nichtraucher - von ihm eine Zigarette wuzeln läßt.


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 d5 5. Sf3 dxc4 6. a3 die übliche Fortsetzung ist e4. Der Zug verbaut aber nichts und erfüllt gleichzeitig seinen Zweck Schwarz aus dem Eröffnungsbuch zu werfen. La5 7. Da4+ c6 8. Dxc4 O-O 9. e3 Te8 10. Le2 Sbd7 11. O-O e5 12. b4 Lc7 13. Db3 exd4 14. Sxd4 a5 15. Lb2 Sb6 16. Lf3 bis jetzt ist die Partie ohne besondere Vorkommnisse verlaufen. Beide Programm schätzen die Stellung mit leichten Vorteil für sich an. Brutus erwartet hier Tad1. Nach Lf3 geht seine Bewertung um 1/2 Bauern nach oben. Es riecht wieder ein Spiel gegen den Königsflügel. 16...Dd6 17. g3 Lg4 18. Lxg4 Sxg4 19. Sf5 Dd8 auf Tiefe 13 zeigt Brutus plötzlich diesen Zug mit einer Bewertung von plus 3 Bauern an. Ich sehe beim besten Willen die Pointe nicht. Es gibt auch keine. Wahrscheinlich ist die Ursache eine sogenannte Kollision in der Hashtabelle. Jedenfalls können wir diesen Zug später nicht reproduzieren. Brutus spielt immer das besser Dg6. 20. bxa5 Txa5 21. e4 Isichess fürchtet sich nach 21. Sxg7 vor Tee5. Dies ist nicht gänzlich unbegründet. Sxg7 dürfte trotzdem stärker sein. 21..Se5 22. f4 Sd3 23. Tab1 Txf5! genug geflattert, es wird wieder Zeit zuzustechen. 24. exf5 Dd4+ 25. Kh1 möglicher Weise ist Kg2 die etwas bessere Verteidigung 25...Sc4 26. Dxb7? die Stellung ist für Weiß schon schwer zu spielen. Isichess begeht mit diesem Bauern aber Harakiri. Die von Brutus erwartete Antwort La1 ist sicher besser 26...Sf2+ 27. Kg2 Se3+ 28. Kf3 Sfg4 29. Dxc6 Sxh2+ 30. Ke2 Dc4+ dieser Zug gewinnt eine Figur. Der Rest ist einfach. 31. Dxc4 Sxc4+ 32. Kf2 Sxf1 33. Txf1 Sxb2 34. Kg2 h6 35. Tc1 Ld6 36. Sb5 Lf8 37. Tc3 Sd1 38. Td3 Se3+ 39. Kh3 Sxf5 40. a4 Lb4 41. Td5 g6 42. Sd4 Sxd4 43. Txd4 Le1 44. Td3 Te2 45. Ta3 La5 46. Kg4 f5+ 47. Kf3 Tc2 48. Te3 Lb6 49. Te2 Txe2 50. Kxe2 Kf7 und wir beschließen, daß es im Garten des Universitätsgebäudes angenehmer als im Spielsaal ist.


Lachen und Weinen:

Am vorletzten Tag des Turniers reisten auch die ChessBase Chefitäten Matthias Wüllenweber und Frederic Friedel an. Brutus ist ein bißchen das Steckenpferd von Matthias. Wie beim Besuch von Graham Smart fühlen wir uns wieder verpflichtet eine etwas spektakulärere Partie hinzulegen. Der Gegner Xinix kommt aus der Liga der starken Amateurprogramme. Der Eindhovener Tony Werten hat sein Programm in der letzten Zeit beträchtlich verbessert. Besonders originell ist die Xinix Oberfläche. ChessBase könnte davon noch ein bißchen lernen. Unter anderem wird die Stellungsbewertung durch einen großen "Smiley" dargestellt. Mundwinkel nach oben, Xinix steht gut, nach unten, es geht den Bach hinunter. Die niederländischen Meisterschaften wurden in den letzten Jahren immer im selben Spielsaal in Leiden durchgeführt. Dort kann man von der Bar direkt auf den Bildschirm blicken. Der Smiley löst auf einfache Weise Tony´s Grundproblem: Wie kann ich an der Bar ein Bier trinken und gleichzeitig das Spielgeschehen im Auge behalten?

Nachdem ich auf die Gestaltung der Oberfläche keinen Einfluß mehr habe, löse ich dieses Problem auf ähnliche Weise. Auf Grund der Miene und der Körperhaltung der Operatoren kann ich ziemlich genau die Stellungsbewertung der zugehörigen Programme voraussagen. Damit erspare ich mir den Rundgang durch den Turniersaal.


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sd2 Sf6 4. e5 Sfd7 5. Ld3 c5 6. c3 Sc6 7. Se2 Le7 8. O-O Tony hat das Eröffnungsbuch-Duell mit Alex gewonnen. Brutus muß diesen naheliegenden Zug schon errechnen. 8... c4 bei Nimzo habe ich lange daran gearbeitet, damit das Programm solche Züge nicht macht. Xinix war aber vollkommen unschuldig, der Zug kam aus dem Eröffnungsbuch.

9. Lc2 O-O Die Show für die Chefitäten scheint gesichert zu sein. Die schwarze Königsstellung lädt zum Angriff ein. 10. Sf4 f4 ist wahrscheinlich besser, es geht aber, wie wir bald sehen werden, auch so. 10... Sb6 11. b3 Ld7 12. bxc4 Sxc4 13. Sxc4 dxc4 es hängt die Drohung d5 in der Luft. 14. Tb1 noch ein kleiner Sidestep an die Nebenfront, bevor es richtig los geht 14..b6 15. Dh5 Brutus zeigt bereits einen Vorteil von fast 3 Bauern an. Für Xinix ist der Himmel noch unbewölkt, es lächelt noch. 15..g6 naheliegend aber bereits tödlich. Das von Brutus erwartete h6 ist wahrscheinlich die bessere Verteidigung. 16. Sxg6!! ein Blitz aus heiterem Xinix-Himmel. Er verdirbt Xinix aber noch nicht die Laune. Im Gegenteil, die Mundwinkel gehen deutlich nach oben. 16.. fxg6 17. Lxg6 beim zweiten Donner beginnt es doch zu ahnen, daß Gefahr im Anmarsch ist. Der Mund wird zum Strich, Xinix erwartet Remis durch ewiges Schach. Mit einer besseren Oberfläche wäre bei Brutus schon ein bis an die Ohren lächelnder Smiley zu sehen. 17... hxg6 18. Dxg6+ Kh8 19. Te1!! ein feiner stiller Zwischenzug. Die sind besonders schwer zu berechnen. Ich bin überrascht, daß das Programm diesen Zug gefunden hat. 19... Lh4 an diesem Punkt verwandelt sich der Xinix-Smiley zum traurigen Clown. 20. Dh5+ Kg8 21. Te4 Tf7 22. Tg4+ Tg7 23. Txg7+ Kxg7 24. Lh6+ Kh7 25. Lg5+ Kg7 26. Dh6+ Kg8 27. Lxd8 Txd8 28. Dxh4 1-0


Auch wenn Xinix nicht zur 1-ten Liga gehört, auf diese Partie bin ich trotzdem ein bisserl stolz.


Stallorder?

Diese WM wurde klar von den ChessBase Programmen Brutus, Fritz/Quest, Junior und Shredder dominiert. Das war Wasser auf die Mühlen der Verschwörungs-Neurotiker. Im Internet kursierten Stallorder Gerüchte von der Art "darf Brutus (noch) nicht gewinnen?". Mathias Feist brachte es wohl auf den Punkt als er meinte "nur weil wir uns in der Öffentlichkeit nicht an die Gurgel hüpfen, heißt das doch noch lange nicht, daß wir uns was schenken. Die sollten einmal bei einer Partie von Fritz gegen Shredder dabei sein". Tatsächlich herrscht zwischen dem Junior, Shredder und Fritz Team ein beinharter Kampf um die Nummer 1 im ChessBase Stall. Selbst ein lustig-fröhlicher Typ wie Mathias Feist bekommt ein Glitzern in den Augen, wenn er von den letzten Fritz Siegen gegen Shredder erzählt. Der offen zur Schau gestellte Ehrgeiz von Oliver Kahn ist für die anderen schwer zu ertragen. Junior Programmierer Amir Ban steht ihm dabei um nichts nach. Ich habe ihn bereits in einem Bericht über die Weltmeisterschaft 1997 in Paris mit Michael Schumacher verglichen. Glaubt man den Erzählungen von Computerschach Veteranen, dann war Frans Morsch einst - in Chilli Schärfegraden ausgedrückt - ein Habanero. Er ist inzwischen durch jahrelange Reifung deutlich milder geworden, ein Waserl ist er aber deswegen noch lange nicht.

Ich selbst versuche diesem Machtkampf so gut es geht aus dem Weg zu gehen und habe mich innerhalb von ChessBase auf alternative Produkte wie etwa dem Multimedia-Programm Schweinehund oder jetzt die Brutus-Hardware Entwicklung spezialisiert. Selbst wenn Brutus ein voller Erfolg wird, wird deswegen kein einziger Fritz, Shredder oder Junior weniger verkauft. Ich mache mir aber keine Illusionen, daß ich mir nicht trotzdem den Neid der Stallkollegen zuziehen würde. Abgesehen davon, daß ChessBase Chef Matthias Wüllenweber einfach nicht der Typ ist, der eine Stallorder herausgibt, ich kann mir auch nicht vorstellen, daß sie irgendwer in diesem Klima befolgen würde. Es ist außerdem gar nicht so leicht, ein Programm verlieren zu lassen. Man kann ja nicht wie in der Formel-1 einfach den Fuß vom Gaspedal nehmen.


Pole-Position:

Vor der letzten Runde liegen Shredder und Junior mit 6.5 Punkten an der Spitze. Brutus hat mit 6 Punkten noch theoretische Siegeschancen. Laut Reglement wird bei Punktegleichheit nach 9 Runden zwischen den beiden erstplazierten Programmen ein Stichkampf durchgeführt. Turnierdirektor Jaap v.d.Herik lädt die drei Teams am Vorabend zu einer Besprechung ein. Es geht um die - im Reglement nicht eindeutig geklärte - Frage, wer im Stichkampf Weiß hat. Nachdem Shredder und Junior in der letzten Runde relativ leichte Gegner zugeteilt wurden, spiele ich in diesem Pole-Position-Spiel nicht wirklich mit. Ich bin darüber auch sehr froh. Wahrscheinlich würde eine Diskussion zwischen Michael Schumacher und Juan Pablo Montoya über die Frage, wer am nächsten Tag in Monaco aus der Pole-Position startet, ähnlich ablaufen. Nach einer halben Stunde verlasse ich das Geschehen. Ich habe an diesem Tag noch nicht warm gegessen und will mir meinen Appetit nicht gänzlich verderben lassen. Am Ende dürfte beide Teams aber doch auch der Hunger übermannt haben und sie einigen sich auf 2 Rennen.


Hochland Boa-Constructa:

In der letzten Runde wurden wir gegen das Programm Diep von Vincent Diepeveen aus Veenendal gelost. Ein "Veen" ist ein spezieller Moor, Sumpfboden. Dies war vor den großen Trockenlegungen im 18-ten und 19-ten Jahrhundert der vorherrschende Bodentyp in den Niederlanden. Der Ausdruck findet sich daher in unzähligen niederländischen Familien und Ortsnamen wieder. Diep wurde vom Organisator zu Beginn des Turniers einen Platz vor Brutus gesetzt. Jaap v.d.Herik hatte Vincent einen Zugang zum nationalen Supercomputer verschafft. Vincent konnte für dieses Turnier 60 der insgesamt 1024 Prozessoren exklusiv für Diep benutzen. Die Rechnungszentrums-Bürokratie hatte aber keine Ahnung wie schwierig es ist, ein auf einem Dual-PC entwickeltes paralleles Schachprogramm auf eine 60 Prozessor Maschine zu portieren. Vincent bekam erst 1 Woche vor Turnierbeginn Zugang auf "seine" 60 Prozessoren. Eines der vielen Probleme sind die Lock-Warteschlangen. Wenn mehrere Prozessoren auf gemeinsame Ressourcen wie z.B. die Hashtabelle zugreifen, darf immer nur ein Prozessor Zugriff auf diese gemeinsamen Ressourcen haben (ansonsten ziehen sich die Prozessoren den Stuhl gegenseitig unter dem Hintern weg). Zu diesem Zweck reserviert ein Prozessor die Tabelle beim Betriebssystem exklusiv für sich. Dies nennt man im Fachjargon "lock". Die anderen Prozessoren müssen mit einem Zugriff auf die Ressource solange warten, bis dieser "lock" wieder frei gegeben wird. In einem Dual-Rechner ist dies überhaupt kein Problem, die lock Operationen sind im Verhältnis zu den übrigen Aktivitäten zu vernachlässigen. Bei einem 60 Prozessor System stehen die Prozessoren plötzlich im Lock-Stau. Diep lief auf dem Supercomputer nicht viel schneller als auf dem Dual-PC. Man kann diese Probleme lösen, aber dafür braucht man ein paar Monate Zeit. Wenn er für die nächste WM den Supercomputer länger zur Verfügung gestellt bekommt, müssen sich die Konkurrenten warm anziehen.


1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Le2 e6 7. O-O Le7 8. f4

O-O 9. Le3 Sc6 10. Kh1 Dc7 11. De1 Sxd4 12. Lxd4 b5 13. a3 Lb7 14. Dg3 Tfd8 Vincent gewinnt das Eröffnungsbuch Duell, Brutus ist aus dem Buch 15. Ld3 der Vorteil länger im Buch zu sein ist meist nur von kurzer Dauer, Diep steht nun auch auf eigenen Beinen. 15... Se8 16. a4? Das Fragezeichen stammt von Vincent. Ich fand es nicht so schrecklich. Vincent versteht aber eindeutig mehr von der Sache. 16... b4 17. Se2 Lc6 18. a5 Db7 19. e5 g6 20. Lb6 Td7 21. Sd4 Ld5 22. Df2 Sg7 23. Tae1 Lf8 24. Sf3 Sf5 25. Dd2 Le7 26. De2 Sh4 der immer sehr kritische Alex hat bisher am Brutus Spiel nichts auszusetzen gehabt. Dieser Zug gefällt ihm weniger. Im Lichte der Fortsetzung ist er aber wahrscheinlich gar nicht so schlecht. Auch Vincent ist bisher mit seinem Schützling zufrieden. 27. Sxh4 Lxh4 28. Td1 Ld8 29. Lxd8 Taxd8 Schwarz hat nun merklichen Druck aufgebaut. Brutus wähnt sich fast einen 1/2 Bauern in Vorteil. Diep zeigt aber für sich ebenfalls eine positive Bewertung an. 30. Tg1? Vincent ist unter den Schachprogrammierern der stärkste Schachspieler. Er gibt auch - ob gefragt oder nicht - zu allen Partien sehr klare Stellungseinschätzungen ab. Nach diesem Zug lautete diese: "Diep steht auf Verlust". Die Brutus Bewertung ist - im Verhältnis zu anderen Programmen - ebenfalls extrem, mit Vincent kann sie aber nicht mithalten. Sie geht nach diesem schwachen Zug nur einen 1/2 Bauern nach oben. 30..dxe5 31. fxe5 Lc6 32. Tde1 Dc7 33. b3 es ist für Weiß schon schwierig gute Züge zu finden. b3 verhindert die Aushebelung des weißen Läufers, c2 wird aber ziemlich schwach. 33... Td5 befragt den e-Bauern. Weiß wird eine Schwäche nach der anderen zugefügt 34. Dg4 Lb5 35. Lf1 gemäß der Oberösterreichischen Landeshymne "daham is daham". Der Zug dürfte aber ein Horizont-Effekt sein. Gleich Lxb5 ist sicher besser. 35... Dxa5 36. Lxb5 Dxb5 37. Df4 Tc8 38. Te4 a5 39. Tc4 das Spiel läuft nun wie auf einer schiefen Ebene. Diep verliert Zug um Zug an Terrain. Bis auf 30. Tg1 kann man eigentlich schwer sagen, wo Diep die Partie verloren bzw. Brutus gewonnen hat. Dd7 40. Txc8+

Dxc8 41. h3 Dxc2 42. Tf1 Dc7 43. Te1 f5 44. Kh2 exf6 e.p. geht wegen der Fesselung durch die Dame nicht. 44... Dc3 45. Te3 Dc1 46. Df3 Td1 47.g3 Td2+ 48. Te2 Dc3 49. Df2 Txe2 50. Dxe2 Dxb3 Vincent wird von den Kiebitzern am Internet gefragt, ob er nicht schön langsam ans Aufgeben denken sollte. Solange noch Damen am Brett sind, erhofft er sich aber noch Chancen auf ewiges Schach. Er hat die Deep-Blue Literatur sorgfältig studiert. Die Erkennung von Stellungswiederholung ist in Hardware relativ aufwendig. Brutus erkennt daher - wie Deep Blue 1 - Stellungswiederholung nur im Software Teil der Suche. Ewiges Schach ist daher tatsächlich eine Achillesferse von Brutus. 51. Db5 Dc2+ 52. Kg1 Dd1+ 53.Kh2 Dd2+ 54. Kg1 Dd4+ 55. Kf1 Kg7 56. g4 Dd1+ 57. Kf2 b3 58. g5 Dd2+ 59. Kf1 Dd5 60. De8 Db7 mit ewigen Schach ist es doch nichts geworden, Vincent hat zu seinem Leidwesen mit seiner Einschätzung nach 30) Tg1 recht behalten.


Flucht zu den Kaninchen:

Bis zu einem gewissen Grad finde ich Computerschach Turniere, die Gespräche mit Programmierern, Adabeis und Chefitäten, durchaus amüsant. Aber irgendwann kann ich die Diskussionen ob Tac1 oder Tfc1 besser ist oder man nicht doch gleich Lc4 spielen sollte, nicht mehr hören. Im Grunde finde ich Computerschach genauso interessant wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Nach einigen Runden fällt es mir meist schon schwer genug, der eigenen Malerei zusehen, die Werke anderer Anstreicher interessieren mich dann überhaupt nicht mehr. Alex erkennt diese Stimmung und erwartet auch nicht mehr, daß ich während den Partien dauernd anwesend bin.

Das nach der 9-ten Runde folgende Play-Off zwischen Junior und Shredder hätte mich nur dann interessiert, wenn wie in der Formel-1 zwischen Schumi und Montoya Startkollisionen zu erwarten gewesen wären. Alex hat damit keine Probleme. Er nahm bei der anschließenden Siegerehrung die Bronzemedaille entgegen.

Anni ist an Computerschach noch weniger interessiert. Sie war daher nach der 4-ten Runde zu unserer Freundin Petra nach Leiden gefahren. Während der Siegerehrung saß ich bereits mit beiden beim Abendessen zusammen. Petra ist eine Historikerin, mit dem Spezialgebiet Spätmittelalter, Übergang zur Neuzeit. Zur Zeit forscht sie über die Einführung des Kaninchens in den Mitteleuropäischen Landbau. Der Höflichkeit halber stellte sie ein paar Fragen über das Turnier. Z.B. wer gewonnen hätte. Ich wußte es erstens nicht und zweitens ist mir das vollkommen egal. Ich bat sie daher um einen Gefallen. Sie soll mir lieber etwas über die Kaninchen erzählen. Das fände ich im Moment viel interessanter. Sie verstand diesen Wunsch zwar nicht ganz, was sollte an den verdammten Kaninchen interessant sein, aber als charmante Gastgeberin kam sie diesem Wunsch dennoch nach. Kaninchen seien ursprünglich bei uns nicht heimisch gewesen. Sie stammen aus Südspanien. Mit einmal war mir klar, warum es in Altmelon in freier Natur Feldhasen aber keine Kaninchen gibt. Einem aus Südspanien stammenden Lebewesen friert es hier im Winter den Arsch ab. Da müßten die Jäger dauernd mit der Thermosflasche unterwegs sein. Das wäre schon ein Übermaß an Hege. Außerdem saufen sie den Tee mit Rum lieber selber. Der Talisker von Graham, die Kaninchengeschichte von Petra, irgendwie war Maastricht doch ein interessantes Turnier mit schönen Augenblicken. Aber was mache ich im nächsten Jahr in Graz? Da ist mir der Fluchtweg abgeschnitten, da kann ich mich über die Vermittlung durch das Reisebüro nicht beschweren, weil ich selber der Chef bin.